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Die Krux mit den Glasscherben

Gelegentlich liest man/frau nach Waldbränden in Einsatzberichten von Feuerwehren oder auch bei offiziellen Pressemeldungen die Ursache Selbstentzündung. Doch worum handelt es sich dabei genau?

“Als Selbstentzündung bezeichnet man die unter Standardbedingungen erfolgende spontane Entzündung brennbarer Materialien. Eine Entzündung erfolgt grundsätzlich, sobald die Selbstentzündungstemperatur erreicht ist, sie kann aber auch katalytisch erfolgen.“

Quelle: Wikipedia

Konkret bedeutet dies: Leicht brennbare, organische Materialien können sich unter bestimmten Bedingungen so stark erhitzen, dass sie Feuer fangen (bei uns vor allem ausgelöst durch Verwesungsprozesse). Ein bekanntes Beispiel ist die Heuselbstentzündung, die gelegentlich bei der Lagerung von feuchtem Schnittgut auftritt. Auch in Komposthaufen und auf Mülldeponien kann es in Extremfällen zur Selbstentzündung kommen. Ein weiteres Beispiel für spontane Brände betrifft die direkte Oxidation mit Luftsauerstoff, möglich bei ungesättigten Verbindungen wie Pflanzenöle. Auch Kohlehalden und Kohlelagerstätten (etwa in China oder den Tropen) nahe der Erdoberfläche können selbstständig Feuer fangen. Allen Arten der Selbstentzündung ist gemein, dass sie in Mitteleuropa sehr selten (oder gar nicht) und nur unter extremen Bedingungen auftreten. Als Auslöser für Waldbrände sind sie nicht relevant.

Häufig wird zu „Selbstentzündung“ auch Funkenflug durch fallende beziehungsweise aneinanderschlagende Steine gezählt. Wer schon einmal mit Feuerstein und (idealerweise) alter Metallfeile gearbeitet hat weiß, dass selbst diese Kombination nur talentierten Händen ermöglicht, ein Feuer zu entfachen. Auch wenn die Entzündung der Vegetation durch Funken fallender Steine theoretisch nicht ausgeschlossen werden kann, dürfte die Wahrscheinlichkeit hierfür nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen äußerst gering sein.

Zuletzt hält sich in Einsatzberichten und Pressemeldungen hartnäckig die Angabe Selbstentzündung durch Glasscherben. Damit ist gemeint, dass weggeworfene Gegenstände aus Glas, vor allem Flaschen(reste), Waldbrände auslösen können. Tatsächlich fehlen bislang wissenschaftliche Beweise für ein solches Phänomen, im Gegenteil: Aktuelle Untersuchungen lassen vermuten, dass eine (Wald-)Brandentstehung durch haushaltsübliche Gläser und Flaschen auszuschließen ist.

Im Jahre 2006 wurde in Braunschweig (Deutschland) eine Versuchsanordnung unter optimierten Bedingungen (Mittagsstunden im Sommer, saubere klare Flaschen(böden), idealer lichtfokussierender Abstand, trockenes Streumaterial) durchgeführt. In keinem der mehr als 100 Versuche konnte eine Zündung beobachtet werden. Die gemessene Temperatur lag selten über 160 Grad Celsius – deutlich zu wenig für eine Brandentstehung. Nur eine einzige Probe (Boden einer Ketchupflasche) brachte es auf knapp 300°C, wodurch erste thermische Zersetzungen (Schwarzfärbungen) auftraten, ohne jedoch feuergefährlich zu werden. Mit größeren Lupen (Brenngläsern) war es möglich, eine Flammenbildung zu erzeugen; im Falle, dass hierdurch ein Waldbrand ausgelöst wird, wäre dies allerdings als „Brandstiftung“ zu sehen, da Brenngläser gewöhnlich nicht die Bodenfauna heimischer Wälder bereichern.

Berücksichtigt man neben der obigen Ergebnisse, dass

  • Glasreste im Wald meistens nicht im optimalen Brennpunkt-Abstand über dem Boden schweben
  • selten so sauber sind, wie in genannter Versuchsanordnung
  • nicht immer der vollen Sonnenstrahlung ausgesetzt sind
  • nur fallweise nahe/auf trockener Feinstreu liegen,

kann Selbstentzündung durch Glasscherben zumindest im mitteleuropäischen Raum ausgeschlossen werden. Da auch andere Formen der Selbstentzündung kaum wahrscheinlicher sind, ist die Phrase „Waldbrand durch Selbstentzündung“ als Oxymoron zu sehen.

Tatsächlich gibt es in Mitteleuropa nur zwei relevante Ursachen für Waldbrände: Blitzschlag (je nach Region 2-20% aller Fälle) oder, als weitaus größerer Part, der direkte und indirekte Einfluss des Menschen.

> Inhaltsangabe und Zusammenfassung der Diplomarbeit „Wirkung von Glasscherben bei der Entzündung von Streuauflagen“ von T. Müller (2007)

Die Arbeit ist auch im Wald-Fachjournal „AFZ-DerWald“ (18/2007) erschienen.