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Die Krux mit der Waldbrandgefahr

In den Frühjahrs- und Sommermonaten kann in Teilen Österreichs vermehrt erhebliche oder sogar hohe Waldbrandgefahr beobachtet werden. Zahlreiche Waldbrände treten dann auf (zur Waldbrand-Datenbank Österreich). Aber was bedeutet eine „erhebliche Brandgefahr“? Womit ist zu rechnen, wenn ein Feuer ausbricht? Wer oder was löst die Waldbrände aus? Und: Können Vegetationsbrände in Österreich überhaupt markante Ausmaße annehmen?
 
GROSSBRÄNDE IN ÖSTERREICH

Zur letzten Frage genügt ein Blick auf die vergangenen Jahre. 2015 gingen in Lurnfeld, Kärnten, rund 75 Hektar Wald in Flammen auf, das Vollfeuer war erst nach Tagen gelöscht. 2014 waren in Absam, Tirol, 70 Hektar Latschen und Hochwald von einem verheerenden Waldbrand betroffen, der Schäden in Millionenhöhe verursachte. 2013 kam es im Raum Neunkirchen, Niederösterreich, innerhalb von einer Woche zu zwei massiven Kronenfeuern in Schwarzkiefernwäldern, die mehr als 70 Hektar vernichteten.

Im internationalen Vergleich stellen selbst 100 Hektar einen Kleinbrand dar. Allerdings sind viele Wälder in Österreich Schutzwälder und ein Verlust erhöht das Risiko für Folgeerscheinungen wie Lawinen oder Steinschlag. Auch ist die Infrastrukturdichte in Österreich sehr hoch und viele potenziell gefährdeten Objekte liegen in unmittelbarer Waldnähe. Darüber hinaus wird durch den Klimawandel eine Zunahme von Hitze- und Trockenperioden angenommen, wodurch die Gefahr verheerender Waldbrände steigt.
 
URSACHEN VON WALDBRÄNDEN IN ÖSTERREICH

Tatsächlich sind wir Menschen für einen Großteil der Waldbrände verantwortlich. In Österreich werden 85% direkt oder indirekt durch den Menschen ausgelöst (weltweit gesehen sind es sogar 96%). An erster Stelle kann die achtlos weggeworfene Zigarette genannt werden, gefolgt von Feuern außer Kontrolle, heißer Asche, gerissenen Stromleitungen, Funkenflug von Zügen, Silvesterraketen - und auch Brandstiftung konnte in den vergangenen Jahren vermehrt beobachtet werden. Nur 15% aller Waldbrände sind nicht auf den Menschen zurückzuführen, wobei Blitzschlag der einzig relevante natürliche Auslöser für Vegetationsfeuer ist. Berichte von Glasscherben oder -flaschen, die angeblich einen Brand ausgelöst haben, sind als höchst unwahrscheinlich anzusehen, siehe HIER.
 
DEFINITION DER WALDBRANDGEFAHR

Zurück zur Waldbrandgefahr. So sah es heute laut dem Europäischen Waldbrand-Informationssystem EFFIS, dem derzeit vielleicht besten Vorwarnsystem für Österreich aus:


EFFIS-Warnkarte für den 29.03.2017 | Darstellung © EFFIS, Karte © Google

 
Wichtig ist hier zunächst, dass von EFFIS die kumulative Waldbrandgefahr angezeigt wird. Das bedeutet, die Gefährdungsklasse gibt an, wie hoch die Gefahr der Brandentstehung UND Brandausbreitung ist. Während die Brandentstehung im Wesentlichen von der Boden- bzw. Streufeuchtigkeit abhängt, wird die Brandausbreitung entscheidend von den Windverhältnissen beeinflusst. Je höher die Waldbrandgefahr, desto leichter entsteht ein Brand, desto rascher breitet er sich aus und desto eher ist mit Vollbränden bzw. Kronenfeuern zu rechnen.

International üblich sind fünf Gefährdungsstufen, bezeichnet als „1“ bis „5“, wobei „5“ die höchste Gefährdung darstellt. Die ZAMG arbeitet derzeit nur mit vier Warnstufen für Österreich, EFFIS hat hingegen eine sechste Stufe - „extreme Waldbrandgefahr“ - eingeführt. Auch die Bezeichnung der einzelnen Warnstufen ist nicht einheitlich. So heißt die Warnstufe 3 in Deutschland „mittlere Gefahr“, in der Schweiz „erheblich“ und bei EFFIS „mäßig“.

Die folgende Übersicht versucht, die verschiedenen Begrifflichkeiten in einer fünfteiligen Skala zusammenzufassen. Auch hier handelt es sich um die Darstellung der kumulativen Waldbrandgefahr, da ein integriertes Waldbrandgefahrenmodell, das sämtliche relevanten Parameter umfasst (Meteorologie, Topografie, Vegetation und menschlicher Einfluss), derzeit nicht existiert. Deshalb ist es wichtig zu beachten, dass die Gefährdungsstufen und die erwarteten Auswirkungen Annäherungen sind. Beispielsweise kann es im Frühjahr bei Föhn zu einer raschen Feuerausbreitung kommen und gleichzeitig die Brandintensität gering sein (kein Kronenfeuer), weil nur die Streuschicht (Laub, Altgras), nicht aber die Vegetation selbst ausgetrocknet ist.
 
WALDBRAND-GEFÄHRDUNGSSTUFEN

  • Gefährdungsstufe 1 - gering (GRÜN)
    Brandentstehung: schwer entzündlich, nur im Fall leicht entflammbaren Materials
    Brandarten: Waldbrände unwahrscheinlich
    Brandverhalten: weiße Rauchfahne, sehr niedrige Ausbreitungsgeschwindigkeit, Funkenflug unbedeutend
  • Gefährdungsstufe 2 - erhöht / mäßig (GELB)
    Brandentstehung: geringe Wahrscheinlichkeit der Brandauslöse
    Brandarten: vereinzelt Kleinbrände, Kronenfeuer unwahrscheinlich
    Brandverhalten: weiß-graue Rauchfahne, niedrige Ausbreitungsgeschwindigkeit, Funkenflug gering, keine Sekundärbrände
  • Gefährdungsstufe 3 - erheblich (ORANGE)
    Brandentstehung: eine einzelne Flamme kann einen Brand entfachen
    Brandarten: vermehrt Kleinbrände, vereinzelt Großbrände, Kronenfeuer möglich
    Brandverhalten: graue Rauchfahne mit dunklem Grund, mittlere Ausbreitungsgeschwindigkeit, mäßiger Funkenflug, kaum Sekundärbrände
  • Gefährdungsstufe 4 - hoch (ROT)
    Brandentstehung: eine einzelne Flamme entfacht mit Sicherheit einen Brand
    Brandarten: zahlreiche Kleinbrände, vermehrt Großbrände, Kronenfeuer wahrscheinlich
    Brandverhalten: rötlich-schwarze Rauchsäule, hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit, starker Funkenflug, Sekundärbrände einige Dutzend Meter vor der Feuerfront
  • Gefährdungsstufe 5 - sehr hoch (DUNKELROT)
    Brandentstehung: ein einzelner Funken kann einen Waldbrand entfachen
    Brandarten: zahlreiche Großbrände, Kronenfeuer sehr wahrscheinlich
    Brandverhalten: schwarze, dichte Rauchfahne, sehr hohe Ausbreitungsgeschwindigkeit, massiver Funkenflug, Sekundärbrände einige Hundert Meter bis mehrere Kilometer vor der Feuerfront

    (adaptiert nach den Ergebnissen des ALP FFIRS Projekts)

 
SCHWIERIGKEITEN BEI DER BEURTEILUNG DER WALDBRANDGEFAHR

(1) Ungenügende Auflösung. EFFIS arbeitet derzeit mit einem 16km-Raster, das heißt Becken oder Täler werden nicht oder nur ansatzweise berücksichtigt. Dabei ist die Topografie entscheidend für die tatsächliche Waldbrandgefahr. Auf Südhängen brennt es häufiger und intensiver als auf Nordhängen, im Winter ist die Brandgefahr erst oberhalb der Nebelgrenze ein Thema. Daneben spielen die Windverhältnisse eine entscheidende Rolle und auch kleinräumige Effekte durch Schnee oder Stauniederschläge sind nicht ersichtlich.

(2) Verwendete Waldbrandindizes. EFFIS berechnet den adaptierten kanadischen Fire Weather Index (FWI) flächendeckend für ganz Europa. Das hat den Vorteil, dass eine einheitliche Darstellung gewährleistet wird. Allerdings ist es schwierig, die richtigen Parameter und Schwellwerte für die Berechnung anzusetzen. So wird nach den bisherigen Erfahrungen dem Faktor Wind in Österreich zu viel Bedeutung beigemesssen. Auch ist der FWI bei Weitem nicht der einzige (gute) Waldbrandindex. Je nach Land und Region können unterschiedliche Parametrisierungen und Waldbrandindizes am besten geeignet sein - so wird in Deutschland der modifizierte M68 (WBI) für die Berechnung der Waldbrandgefahr verwendet.

(3) Fehlende Brandfaktoren. Wie die meisten Waldbrandvorwarnsysteme zeigt EFFIS nur die meteorologischen Komponenten an, also die Wetterbedingungen, die eine Brandentstehung begünstigen. Andere wesentliche Elemente wie die Topografie, die Vegetation und sozioökonomische Faktoren werden nicht berücksichtigt. Die Bedeutung der Topografie wurde bereits angesprochen. Der menschliche Einfluss äußert sich etwa dadurch, dass am Wochenende und in der Nähe von Siedlungsgebieten Waldbrände häufiger auftreten.

(4) Einfluss der Vegetation. Der Pflanzenbewuchs ist mitentscheidend für die tatsächliche Gefahreneinschätzung. Relativ gesehen brennt es am häufigsten in Föhrenwäldern, also unter Schwarz- und Waldkiefern sowie im Latschenbereich an der Baumgrenze. Absolut gesehen sind Fichtenwälder am öftesten von Waldbränden betroffen und stellen auch einen hohen Prozentsatz an den österreichischen Schutzwäldern dar. Hingegen sind Waldbrände in Laubwäldern die Ausnahme und meistens von geringer Intensität.
Ebenso zu beachten ist die Phänologie der Pflanzen, der Austrieb der Bodenvegetation und die brandhemmende Wirkung des frischen Grün. Dieser Effekt bewirkt, dass die Feuergefahr im Flach-und Hügelland ab etwa Mitte April auch bei Trockenheit zurückgeht - zumindest, wenn der Waldboden eine reiche Krautschicht aufweist und gut mit Bodenwasser versorgt ist.

(5) Brandgefahr vs. Brand. Eine hohe Waldbrandgefahr bedeutet nur, dass die Bedingungen für die Entstehung und Ausbreitung eines Waldbrandes gut sind, nicht, dass er auch auftritt. Hierfür braucht es einen Auslöser - in den meisten Fällen den Menschen.
 
In Summe zeigt sich, dass die derzeitige EFFIS-Darstellung der Waldbrandgefahr nur eine Annäherung ist und verfeinert bzw. verbessert werden kann. Im Zuge der Österreichischen Waldbrandforschungsinitiative (AFFRI 2), die vom Institut für Waldbau an der Universität für Bodenkultur geleitet wird, soll bis 2019 der Prototyp eines umfassenden Waldbrandvorwarnsystems für Österreich entstehen.