Faktoren der Waldbrandgefahr
Zur Schwierigkeit der Vorhersage der Waldbrandgefahr habe ich HIER bereits einen ausführlichen Artikel verfasst. Im aktuellen Beitrag möchte ich auf die unterschiedlichen Faktoren der Waldbrandgefahr eingehen und erläutern, weshalb eine „hohe“ Waldbrandgefahr manchmal nur „gering“ ist.
Was „Waldbrandgefahr“ bedeutet
Angesichts der Großbrände in Südeuropa und der herrschenden Dürre wird derzeit (Ende Juli 2026) von unterschiedlichen Stellen vor einer „sehr hohen“ oder sogar „extremen“ Waldbrandgefahr in Österreich gewarnt. Aber: Die Bedingungen in Mitteleuropa lassen sich (noch) nicht mit denen in Spanien oder Südfrankreich vergleichen. Außerdem braucht es mehrere Zutaten für eine sehr hohe Waldbrandgefahr.
In Mitteleuropa (und auch in Österreich) wird von Feuerwehr- und Behördenseite meist nur die Entstehungsgefahr von Waldbränden berücksichtigt. Nach einer Woche Hitze und Trockenheit kann diese selbst nach ergiebigem Regen bereits wieder hoch sein; weil sich beispielsweise ausgedörrtes Gras leicht entzündet.
Im internationalen Waldbrandmanagement werden aber noch weitere Faktoren betrachtet, insbesondere die potenzielle Ausbreitung und Intensität eines Feuers. Werden alle drei Aspekte herangezogen – Entstehung, Ausbreitung, Intensität – spricht man auch von einer „kumulierten“ Waldbrandgefahr. Vereinfacht formuliert wird damit die Gefahr beschrieben, die von potenziellen Vegetationsbränden ausgeht.
Ein Beispiel: Auch wenn es in Österreich zehn oder zwanzig Waldbrände an einem Tag gibt, können sie in der Regel von den Feuerwehren gut bekämpft und unter Kontrolle gebracht werden, sofern sich die Feuer nur langsam ausbreiten und von geringer Intensität sind. Ein vom Wind angetriebenes Kronenfeuer (Flammen bis hinauf in die Baumwipfel) hat hingegen das Potenzial, unbeherrschbar zu werden und stellt damit eine Gefahr für Siedlungsräume, Infrastrukturen und nicht zuletzt die Einsatzkräfte selbst dar – wie zahlreiche Beispiele aus Südeuropa, den USA und Australien belegen. Und genau das sind jene Brände, welche die Wissenschaft mit ihrer Abschätzung der Waldbrandgefahr zu fassen versucht (siehe: Waldbrand-Gefährdungsstufen).
Funfact: Die in den Medien häufig getätigte Aussage „ein Funken kann einen Waldbrand auslösen“ stimmt in den allermeisten Fällen nicht. Denn dazu müssen extrem trockene Bedingungen an der Erdoberfläche, sehr geringe Luftfeuchtigkeit und das ideale Brennmaterial zusammentreffen – was in Mitteleuropa nur ganz selten der Fall ist. (Eine Zigarette oder Blitzentladung haben eine deutlich größere Zündenergie als ein schlichter Funken.)
Die Faktoren der Waldbrandgefahr
Das Problem: Trockenheit allein reicht nicht aus, um die kumulierte Waldbrandgefahr „sehr hoch“ werden zu lassen. Das Jahr 2026 ist bis dato eines der extremsten Trockenjahre seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen in Österreich. In vielen Regionen gibt es massive Probleme mit rekordverdächtig niedrigen Grundwasserständen und geringen Wasserständen von Bächen, Flüssen und Seen. Diese Langzeittrockenheit ist ein wesentliches Element einer erhöhten Waldbrandgefahr. Daneben braucht es aber auch überdurchschnittlich hohe Temperaturen – auch das ist durch die aktuelle Hitzewelle zweifelsohne erfüllt.
Aber noch weitere Faktoren spielen eine Rolle. Da ist einmal die Kurzzeittrockenheit zu nennen. Damit ist gemeint, dass wiederkehrende geringe Niederschläge (Regenschauer und Gewitter, wie im alpinen Raum im Sommer üblich), die kaum einen Einfluss auf die Langzeittrockenheit haben, die Waldbrandgefahr zumindest für kurze Zeit (Stunden bis Tage) reduzieren können. Auch wenn tiefere Bodenschichten trocken sind und die Bäume unter der Dürre leiden, kann ein unkontrolliertes Feuer durch die angefeuchtete bodennahe Biomasse nur schwer entstehen und breitet sich langsam aus.
Die relative Luftfeuchtigkeit ist ein häufig unterschätzter Faktor für eine rasche Brandausbreitung und hohe Brandintensität. Tatsächlich werden fast alle internationalen Extrembrände bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit verzeichnet – oft unter 20%, manchmal sogar unter 10%. Bei Hitzewellen in Mitteleuropa lag die Luftfeuchtigkeit in der Vergangenheit selten unter 20%. Durch die zunehmende Trockenheit könnten niedrige Werte jedoch häufiger auftreten und damit die Entstehung gefährlicher Brände begünstigen.
Der Wind ist neben der Luftfeuchtigkeit entscheidend, ob sich Brände rasch ausbreiten können. Nur mit (starkem) Wind können Feuerfronten so rasch voranschreiten – im Extremfall ist Marschgeschwindigkeit möglich –, dass die Einsatzkräfte überfordert sind und keine Eindämmung der Flammen möglich ist. Dies ist speziell dann der Fall, wenn es sich um ein vom Wind angetriebenes Kronenfeuer handelt. Hier kann es in Verbindung mit geringer Luftfeuchtigkeit zu starkem Funkenflug kommen; das Kronenfeuer verwandelt sich in ein Flugfeuer (engl. „Spotfire“), die gefährlichste Form eines Waldbrandes, da neue Brände viele Hundert Meter entfernt entstehen können und damit Siedlungen und Menschenleben gefährdet sind.
Die Vegetation ist entscheidend, ob ausgedehnte und intensive Waldbrände überhaupt auftreten können. So sind weite Teile der mitteleuropäischen Kulturlandschaft stark fragmentiert und Großbrände damit unwahrscheinlich. Daneben gelten heimische Laubwälder – besonders Buchenwälder – als wenig durch Feuer gefährdet; und selbst wenn es hier brennt, ereignen sich fast nur Bodenfeuer geringer Intensität. Am ehesten können gefährliche Kronenfeuer in Kiefern- und Fichtenwäldern auftreten, wie sie im Alpenraum weit verbreitet sind. Doch genau diese ausgedehnten Nadelwaldflächen fehlen im Nordosten Österreichs, wo meistens die höchste Waldbrandgefahr verzeichnet wird. Hier besteht also eher die Gefahr von Flur- und Feldbränden.
Auch die Topografie hat einen Einfluss auf die Entstehung und Ausbreitung von Waldbränden. Viele Waldbrände – und fast alle Großbrände – in Österreich werden auf Südhängen verzeichnet. Im steilen Gelände können sich Feuer rascher ausbreiten (und zwar sowohl hangaufwärts als auch hangabwärts) und Kronenfeuer sind wahrscheinlicher.
Zuletzt müssen noch die Brandauslöser berücksichtigt werden. Während über das gesamte Jahr betrachtet 80% aller Waldbrände in Österreich auf den Menschen zurückzuführen sind, entstehen im Sommer bei zu 50% (oder mehr) aller Waldbrände durch Blitzschläge. Dies liegt einerseits am Höhepunkt der mitteleuropäischen Gewitteraktivität (Juni bis August), andererseits auch am Freizeit- und Urlaubsverhalten der Österreicher in den heißesten Wochen des Jahres: Viele Menschen reisen in andere Länder oder verbringen ihre Freizeit, so zumindest die Hypothese, lieber am Badesee oder im Schwimmbad anstatt im Wald, sodass weniger potenzielle Zündquellen eingebracht werden.
Zusammengefasst kann gesagt werden: Wer sein Augenmerk nur auf die Entstehungsgefahr von Waldbränden richtet, denkt (auch angesichts des Klimawandels) zu kurz, denn intensive – und damit gefährliche – Feuer brauchen mehrere Zutaten. Doch wenn diese gegeben sind, werden auch in Mitteleuropa bislang unbekannte Extrembrände möglich.
