(Sehr) Hohe Waldbrandgefahr?
Angesichts der Großbrände in Südeuropa und der herrschenden Dürre wird derzeit von unterschiedlichen Stellen vor einer „sehr hohen“ oder sogar „extremen“ Waldbrandgefahr in Österreich gewarnt. Aber: Die Bedingungen in Mitteleuropa lassen sich (noch) nicht mit denen in Spanien oder Südfrankreich vergleichen. Außerdem braucht es mehrere Zutaten für eine sehr hohe Waldbrandgefahr.
Was „Waldbrandgefahr“ bedeutet
In Mitteleuropa (und auch in Österreich) wird von Feuerwehr- und Behördenseite meist nur die Entstehungsgefahr von Waldbränden berücksichtigt. Nach einer Woche Hitze und Trockenheit kann diese selbst nach ergiebigem Regen bereits hoch sein; weil sich beispielsweise ausgedörrtes Gras leicht entzündet. Wenn man nur die Entstehungsgefahr berücksichtigt, ist die Waldbrandgefahr aktuell vor allem im Norden und Osten Österreichs tatsächlich hoch oder sogar sehr hoch.
Im internationalen Waldbrandmanagement werden aber noch weitere Faktoren betrachtet, insbesondere die potenzielle Ausbreitung und Intensität eines Feuers. Werden alle drei Aspekte herangezogen – Entstehung, Ausbreitung, Intensität – spricht man auch von einer „kumulierten“ Waldbrandgefahr. Vereinfacht formuliert wird damit die Gefahr beschrieben, die von potenziellen Vegetationsbränden ausgeht.
Ein Beispiel: Auch wenn es in Österreich zehn oder zwanzig Waldbrände an einem Tag gibt, können sie in der Regel von den Feuerwehren gut bekämpft und unter Kontrolle gebracht werden, sofern sich die Feuer nur langsam ausbreiten und von geringer Intensität sind. Ein vom Wind angetriebenes Kronenfeuer (Flammen bis hinauf in die Baumwipfel) hat hingegen das Potenzial, unbeherrschbar zu werden und stellt damit eine Gefahr für Siedlungsräume, Infrastrukturen und nicht zuletzt die Einsatzkräfte selbst dar – wie die aktuellen Beispiele aus Südeuropa verdeutlichen. Und genau das sind jene Brände, welche die Wissenschaft mit ihrer Abschätzung der Waldbrandgefahr zu fassen versucht (siehe: Waldbrand-Gefährdungsstufen).
Die Faktoren der Waldbrandgefahr
Das Problem: Trockenheit allein reicht nicht aus, um die kumulierte Waldbrandgefahr „sehr hoch“ werden zu lassen. Das Jahr 2026 ist bis dato eines der extremsten Trockenjahre seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen in Österreich. In vielen Regionen gibt es massive Probleme mit rekordverdächtig niedrigen Grundwasserständen und geringen Wasserständen von Bächen, Flüssen und Seen. Diese Langzeittrockenheit ist ein wesentliches Element einer erhöhten Waldbrandgefahr. Daneben braucht es aber auch überdurchschnittlich hohe Temperaturen – auch das ist durch die aktuelle Hitzewelle zweifelsohne erfüllt.
Aber noch weitere Faktoren spielen eine Rolle. Da ist einmal die Kurzzeittrockenheit zu nennen. Damit ist gemeint, dass wiederkehrende geringe Niederschläge (Regenschauer und Gewitter, wie im alpinen Raum im Sommer üblich), die kaum einen Einfluss auf die Langzeittrockenheit haben, die Waldbrandgefahr zumindest für kurze Zeit (Stunden bis Tage) reduzieren können. Auch wenn tiefere Bodenschichten trocken sind und die Bäume unter der Dürre leiden, kann ein unkontrolliertes Feuer durch die angefeuchtete bodennahe Biomasse nur schwer entstehen und breitet sich langsam aus.
Die relative Luftfeuchtigkeit ist ein häufig unterschätzter Faktor für eine rasche Brandausbreitung und hohe Brandintensität. Tatsächlich werden fast alle internationalen Extrembrände bei sehr geringer Luftfeuchtigkeit verzeichnet – oft unter 20%, manchmal sogar unter 10%. Bei Hitzewellen in Mitteleuropa lag die Luftfeuchtigkeit in der Vergangenheit selten unter 20%. Durch die zunehmende Trockenheit könnten niedrige Werte jedoch häufiger auftreten und damit die Entstehung gefährlicher Brände begünstigen.
Der Wind ist neben der Luftfeuchtigkeit entscheidend, ob sich Brände rasch ausbreiten können. Nur mit (starkem) Wind können Feuerfronten so rasch voranschreiten – im Extremfall ist Marschgeschwindigkeit möglich –, dass die Einsatzkräfte überfordert sind und keine Eindämmung der Flammen möglich ist. Dies ist speziell dann der Fall, wenn es sich um ein vom Wind angetriebenes Kronenfeuer handelt. Hier kann es in Verbindung mit geringer Luftfeuchtigkeit zu starkem Funkenflug kommen; das Kronenfeuer verwandelt sich in ein Flugfeuer (engl. „Spotfire“), die gefährlichste Form eines Waldbrandes, da neue Brände viele Hundert Meter entfernt entstehen können und damit Siedlungen und Menschenleben gefährdet sind.
Die Vegetation ist entscheidend, ob ausgedehnte und intensive Waldbrände überhaupt auftreten können. So sind weite Teile der mitteleuropäischen Kulturlandschaft stark fragmentiert und Großbrände damit unwahrscheinlich. Daneben gelten heimische Laubwälder – besonders Buchenwälder – als wenig durch Feuer gefährdet; und selbst wenn es hier brennt, ereignen sich fast nur Bodenfeuer geringer Intensität. Am ehesten können gefährliche Kronenfeuer in Kiefern- und Fichtenwäldern auftreten, wie sie im Alpenraum weit verbreitet sind. Doch genau diese ausgedehnten Nadelwaldflächen fehlen im Nordosten Österreichs, wo meistens die höchste Waldbrandgefahr verzeichnet wird. Hier besteht also eher die Gefahr von Flur- und Feldbränden.
Auch die Topografie hat einen Einfluss auf die Entstehung und Ausbreitung von Waldbränden. Viele Waldbrände – und fast alle Großbrände – in Österreich werden auf Südhängen verzeichnet. Im steilen Gelände können sich Feuer rascher ausbreiten (und zwar sowohl hangaufwärts als auch hangabwärts) und Kronenfeuer sind wahrscheinlicher.
Zuletzt müssen noch die Brandauslöser berücksichtigt werden. Während über das gesamte Jahr betrachtet 80% aller Waldbrände in Österreich auf den Menschen zurückzuführen sind, entstehen im Sommer bei zu 50% (oder mehr) aller Waldbrände durch Blitzschläge. Dies liegt einerseits am Höhepunkt der mitteleuropäischen Gewitteraktivität (Juni bis August), andererseits auch am Freizeit- und Urlaubsverhalten der Österreicher in den heißesten Wochen des Jahres: Viele Menschen reisen in andere Länder oder verbringen ihre Freizeit, so zumindest die Hypothese, lieber am Badesee oder im Schwimmbad anstatt im Wald, sodass weniger potenzielle Zündquellen eingebracht werden.
Die aktuelle Waldbrandgefahr in Österreich
In Westösterreich sowie inneralpin ist die Waldbrandgefahr größtenteils gering bis mäßig (Stufe 2 bzw. 3 von 5) und daran wird sich auch in den nächsten Tagen nichts ändern. Am ehesten eine mäßige Brandgefahr kann es auf Südhängen in inneralpinen Trockentälern geben. Waldbrände sind damit durchaus möglich und vor allem Blitzschlagbrände – durch die bestehende Gewitteraktivität – wahrscheinlich, Großbrände aber unwahrscheinlich. Schwierig kann sich die Brandbekämpfung dennoch gestalten, weil durch die herrschende Dürre Glimmbrände (häufig nach Blitzschlägen) aufwendige Löscharbeiten erfordern.
In Südösterreich, den nördlichen und südlichen Randgebirgen sowie im Südosten ist derzeit verbreitet eine mäßige Waldbrandgefahr zu erwarten. In windigen, gewitterfreien Gebieten kann sie in den nächsten Tagen vereinzelt auch hoch sein.
Vor allem in östlichen Flach- und Hügelland, also vom Waldviertel bis ins Burgenland (inkl. Alpenostrand), regional auch im Norden (bspw. im Alpenvorland) ist in den nächsten Tagen verbreitet eine hohe Waldbrandgefahr (Stufe 4 von 5) und eine sehr hohe Flurbrandgefahr zu erwarten. Dies liegt unter anderem an der hier regional extremen (Langzeit-)Trockenheit. Andererseits wird von den Wettermodellen Anfang kommender Woche eine äußerst geringe Luftfeuchtigkeit von teilweise unter 20% simuliert – und dazu mäßig windige Bedingungen, wobei der Südwind lebhaft werden kann. Damit sind hier bei geeigneter Vegetation durchaus sich rasch ausbreitende Kronenfeuer möglich. Aber: Trotz dieser hohen Waldbrandgefahr bleiben Extrembrände wie in Südeuropa sehr unwahrscheinlich.
Ab Mitte kommender Woche dürfte die Hitzewelle „feuchter“ werden, mit einer höheren Luftfeuchtigkeit und vermehrt Regenschauern und Gewittern. In Westösterreich und den Alpen könnte es dann auch intensiver regnen. Aus jetziger Sicht endet die aktuelle Hitzewelle nächstes Wochenende, womit die Waldbrandgefahr zurückgehen sollte – ob die begleitenden Niederschläge die außerordentliche Trockenheit nachhaltig lindern können, ist jedoch fraglich.

